Neue Aspekte

zu den Karren-Spuren und zur Dach-Konstruktion

der neolithischen Megalith-Bauten

auf den Maltesischen Inseln (Mittelmeer)

 

-- Eine Transport-Lösung für Großsteinbauten --

 

Im Gedenken an den Imker Karl Koch (1915-2008)

 

mit 15 Abb.

 

von Dieter ORTLAM*

 

(Copyright beim Autor, alle Rechte vorbehalten)

 

Schlagworte: Maltesische Inseln, Malta, Melitta, Honiginsel, Imkerei, Gozo, Sizilien, Kalabrien, Skylla, Charybdis, Halbinsel, Meeresströmungen, Düsen, Schifffahrt, Meeresspiegelschwankung, Meeresspiegelanstieg, Azur Window, Fungus Rock, Xwejni Bay, Messina-Strasse, Odysseus-Sage, Karrenspuren, Geologie, Blauer Ton, Korallen-Kalk, Hydrogeologie, Gibraltar-Flut, Dardanellen-Bosporus-Flut, Sint-Flut, Karrenspuren, Schlitten, Schmiermittel, Lehm-Pampe, Pflanzenhäcksel, Clapham Junction, Pyramiden-Bau, Schlammseife, Quicksande, Turenne-Denkmal, Hünengräber, Dach-Konstruktion, Megalith-Bauten, Neolithikum, Tempel, Skorba, Ta Ha`grat, Mgarr, Ha`gar Qim, Mnajdra, Gigantija, Tarxien, Hypogäum, Apsiden, Troglodyten, Höhlenbewohner, Ghar il Kbir, Bewuchs, Buskett Gardens, Dingli, Rabat, La Valetta, Xemxija, Felldach-Konstruktion, Regenwasser, Auffangwanne, Klimaanlage, Zisterne, Mega-Tonbehälter, Anbindungstechnik, Kugel-Häring, Orakel-Löcher, Fels-Achter, Fels-Poller, Birzebbuga, Ghar Dalam-Höhle, Bonebeds, Kreta, Lazaretto Bay, Ta´Xbiex, Paola, Orkney-Inseln.

 

1. Einleitung

 

Seit der Entdeckung der neolithischen, bisherigen Tempel-Anlagen der Maltesischen Inseln im 19. und 20. Jahrhundert (MAYR 1868-1924; ZAMMIT 1916 u. a.) sind zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen erschienen, die sich mit deren Rekonstruktion und zeitlicher Entwicklung beschäftigen. Insbesondere die zahlenmäßige Erweiterung der Apsiden von der Zahl 1 (Skorba/Malta) bis zur Zahl 6 (Mittel-Tarxien/Malta) lässt sich zeitlich recht gut verfolgen und belegen (SULTANA 2006 u. a.).

Als sich der Autor mit seiner Ehefrau, einer diplomierten Religionswissenschaftlerin, im Jahre 1994 zum ersten Mal zu wissenschaftlichen Studien auf den Maltesischen Inseln aufhielt, gab es damals schon ganz neue Gedanken zu dem hier anstehenden Thema. Diese neuen Aspekte gärten lange Zeit nun herum. Anfang 2008 ergab sich durch eine freundliche Einladung des Ehepaars Dr. ALEXANDER (Ta´Xbiex/Malta) die Gelegenheit, die zwischenzeitlich gewonnenen Erkenntnisse durch weitere, detaillierte Geländestudien zu erweitern. Dabei wurden die nachfolgenden Ergebnisse auch Frau Dr. S. SULTANA (Archäologisches National-Museum, La Valletta/Malta) und Herrn Prof. Dr. A. BONANNO (Archäologisches Institut der Universität Malta) vorgestellt und diskutiert (ORTLAM 2008c). Bei allen bedankt sich der Autor für den regen Gedankenaustausch.

Die Besiedelung der Maltesischen Inseln erfolgte etwa 7.000a v. Chr. vermutlich aus Norden, also zu einer Zeit mit einem deutlich niedrigeren Mittelmeerwasserspiegel (etwa 40m unter NN), da zu diesem Zeitpunkt eine trockene Landverbindung mit Sizilien (= Sikelia/Skylla) bestand (heutige Meerestiefen zwischen 25m und 35m). Außerdem war die Landmasse der damaligen Maltesischen Halbinsel als Südsporn Siziliens wesentlich größer als heute, so dass nach dem gewaltigen nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg von 123m unter NN vor 15.000a noch viele Megalithbauten unter dem heutigen Meeresspiegel der Schelfgebiete zu erwarten sind. Dies wird auch durch die an den Küstenlinien heute abtauchenden Karrenspuren und anderen Unterwasserfunden der Maltesischen Inseln deutlich belegt (MIFSUD et al. 2001). Früher erfolge jedoch die Gibraltar-Flut (hiermit) im Messinian/Pliozän  vor ~5,6 Mio a mit der  Auffüllung des Mittelmeeres und später die Dardanellen-Bosporus-Flut (hiermit, ~5500a v. Chr.), die zur Auffüllung des heutigen Schwarzen Meeres führte (letztere fälschlicherweise von MART & RYAN als die biblische Sint-Flut eingestuft, die doch bekanntlich weltweite Verbreitung besaß!).

Die hydraulischen Engstellen (= Düsen) zwischen Afrika im Süden und Italien im Norden könnten bei starken, andauernden West- und Oststurmwetterlagen im Neolithikum die Ursache für die gefährlichen Meeresströmungen in der Messinastrasse (Kalabrien/Sizilien) und um die Maltesischen Inseln gewesen sein (z. B. der Schiffsuntergang in der Odysseus-Sage). Auch weist der Ursprung des Spruches „zwischen Skylla (= Seeungeheuer/Sizilien) und Charybdis“ (= Meeresstrudel/Kalabrien oder Malta), d. h. dem notgedrungenen Auswählen zwischen zwei Übeln, auf diese schwierigen marinen Abschnitte für Schiffsbefahrungen hin. Noch heute lässt sich nämlich nicht nur an der Westseite der Insel Gozo (Azur Window und Fungus Rock) bei Ostwind ein enormes Absinken des Meeresspiegels um >3m sondern auch auf deren Nordseite (Abb. 1) beobachten, obwohl in diesem Mittelmeerbereich ein Tideneinfluss i. d. R. kaum noch zu bemerken ist. Auch heute noch werden dadurch gewaltige Strömungen an der Meeres-Engstelle Italien/Tunesien (= Inseln Lampedusa, Pantelleria und Malta/Gozo, Strasse von Messina) zwischen dem westlichen und östlichen Mittelmeer erzeugt.

Die weltweite Sint-Flut hat vermutlich auch die Ghar Dalam-Höhle bei Birzebbuga mit einem Tsunami heimgesucht und dabei marine Sedimente mit ihren chaotischen, allochthonen Bonebed-Einschlüssen hinterlassen, zumal das Höhlen-Niveau nur bei etwa 20m NN liegt. In dieser Höhe und höher hat man auf Kreta auch nachweislich holozäne marine Sedimente in Kalkhöhlen an der Küste vorgefunden.

 

 

Abb. 1: Uralte (prä-römische), in die felsige Strandplattform eingehauene Salinenfelder mit zeitweise um ~3m abgesenktem Mittelmeerwasserspiegel bei andauernder Ostwind-Wetterlage am 01. 03. 2008; Xwejni Bay nordwestlich Marsalforn/Gozo (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 03/2008)

 

Die ingenieurtechnischen Leistungen der Neolithiker waren gewaltig und bewundernswert. Lösten und bewegten sie aus den lokalen Steinbrüchen doch Steinblöcke bis zu 75to Gewicht, wie dies in der Anlage von Ha`gar Qim/Malta belegt wird. Die im National-Museum (La Valletta) hierbei angegebenen (berechneten) 10,165to Gewicht sind aber doch etwas zu tief gegriffen und lassen sich aufgrund der dort angegebenen Maße mit mindestens 72to unschwer ausrechnen, also das siebenfache des angegebenen Gewichtes. Insofern ist wegen der hohen Gewichte eine Fortbewegung/Transport auf (unrunden und wenig stabilen) Gesteinskugeln einheimischer Provenienz kaum vorstellbar, wie dies von SULTANA (2006, S. 20 unten) zuletzt ausgeführt wird. Die Gesteinskugeln aus dem einheimischen Korallenkalk würden nämlich aufgrund der hohen punktuellen Belastung und wegen des unebenen Bodens ziemlich schnell zermalmt. Daher ist auch der Transport der großen Gesteinsblöcke in der Praxis über größere Distanzen bei unrunden, instabilen Kugeln nicht nachzuvollziehen (Abb. 2). Angewandte Experimental-Archäologie würde da sicher schnell zur Korrektur bisheriger Ansichten führen.

 

 

Abb. 2a und b. Links: unrunde Steinkugeln -- ursprünglich als Transport-Rollsteine gedeutet -- zur Fixierung von Halteseilen am Top und an der Basis eines Bauwerksblockes (Pfeile); rechts: zwei (Basis)Kugel-Häringslöcher (ohne Kugeln) -- ursprünglich als „Orakellöcher“ bezeichnet -- ; neolithische Megalith-Anlage Hal Tarxien, Paola/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

Rollhölzer von Hartholzbäumen sind dagegen schon eher vorstellbar, zumal das Vorkommen von Harthölzern auf den Maltesischen Inseln aufgrund der damaligen günstigen Boden- und Klimabedingungen im Neolithikum sehr wahrscheinlich ist. Nord-Afrika war schließlich noch vor 2.000 Jahren die Kornkammer des Römischen Imperiums! Reste der ursprünglichen Bewaldung der Maltesischen Inseln lassen sich noch heute in ökologischen (Tal-)Nischen z. B. Buskett Gardens bei Rabat/Malta beobachten. Auch werden aktive Versuche seit einiger Zeit unternommen, die bewaldete Flächen zu vergrößern z. B. mit Kiefern und Olivenbäumen auf der Anhöhe bei Xemxija/Malta, wo in römischer und vorrömischer Zeit Gutshöfe mit Viehställen, Groß-Imkereien (>200 Bienenvölker pro Standort, Abb. 3) und Grabanlagen komplett in großen Höhlenanlagen von den im Mittelmeerraum weit verbreiteten Troglodyten (= Höhlenbewohnern) untergebracht wurden. Die große Anzahl an dort allein im Bereich Xemxija ansässigen Bienenvölkern (>600!) und deren gewaltige Honigproduktion im Neolithikum setzen nämlich ein ausgedehntes Nahrungsumfeld mit entsprechendem Bewuchs voraus, was bei der heutigen Mini-Vegetation nicht mehr darstellbar wäre. Nicht von ungefähr ist Malta früher als Honiginsel (= Melitta) bezeichnet worden! Dagegen ist die heutige Honigproduktion auf den Maltesischen Inseln wegen der anthropogen stark eingeschränkten Flora nur noch marginal, wobei der rezent erzeugte Honig einen ganz endemischen Charakter aufweist, was auch für die (hohen) Preise gilt. Dieses Beispiel zeigt augenscheinlich, wie durch menschliche Eingriffe in historischer Zeit (punisch-römische Abholzungen zum Schiffbau) das Ökosystem nachhaltig zerstört wurde. Nachdem primär die Wälder abgeschlagen wurden, waren die Böden den starken Seewinden und –stürmen vollkommen ausgesetzt und wurden in den höheren Lagen der Inseln flächenhaft unwiederbringlich ins Meer abgetragen, die erste Umwelt-Sünde der Maltesischen Inseln

Dieser irreversiblen Vorgänge zeigen die Tragik einer unbedachten und verfehlten Wirtschafts- und Umweltpolitik in historischen Zeiten auf, wie sie leider heute überall in der Welt (u. a. China, Russland, Indien, U.S.A.) betrieben wird und aus historischen GAU´s kaum etwas dazugelernt wurde und wird (ORTLAM 1989 und 2000). Die Natur und das Ökosystem lässt sich jedoch nicht austricksen und wird mit seinem Elefanten-Gedächtnis später erbarmungslos und sehr teuer zurückschlagen.

 

 

Abb. 3: Höhlen-Imkereianlage (B-H-T-Dimensionen: 12x3x5m) mit 36 Anfluglöchern und jeweils 4 bis 9 Bienenstock-Tonröhren in der Höhle und einer Regenwasser-Zisterne auf dem Dach; neolithisch-römische Höhlenanlage der Troglodyten bei Xemija/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 03/2008)

 

Diese seit dem Neolithikum auf den Maltesischen Inseln bis um 1800 n. Chr. noch vorhandene Höhlenbewohner-Kultur mit ihren Bewohnern, den sogenannten Troglodyten (STRABO ~28 n. Chr.), wurde erst durch die englische Besetzung Maltas nach 1815 (Beschluss des Wiener Kongresses) allmählich ein Ende bereitet. Noch im Jahre 1634 besuchte und beschrieb der deutsche (aus der Rhön stammende) Universalgelehrte am Vatikan Athanasius KIRCHER (1678) diese Troglodyten in der Höhlenanlage von Ghar il Kbir (117 Personen in 27 Familien) westlich von Dingli/Malta bzw. südlich der Stadt Mdina, der alten Hauptstadt von Malta.

 

 

Abb. 4: Neolithische bis subrezente Höhlenanlage der Troglodyten; Ghar il Kbir östlich Dingli/Malta; im Hintergrund die Stadt Mdina (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

2. Karrenspuren

 

Eine andere Transportmöglichkeit der großen Blöcke des miozänen oberen Korallenkalkes bestand aber vielmehr mit massiven hölzernen Schlitten unterschiedlicher Längen und entsprechender Tragkraft (ORTLAM 2003), deren äquidistante Kufen mit einem qualifizierten und örtlich vorhandenen Gleitmittel -- z. B. einem Lehm-Wassergemisch aus dem Blauen Ton der auf den Maltesischen Inseln fast überall anstehenden mittelmiozänen Schichten (NN 5 nach nannoplanktologischer Untersuchung von Prof. Dr. E. MARTINI, Kronberg/Ts.) oder eventuell aus Pflanzenhäcksel mit Wasser – geschmiert wurden.

 

 

Abb. 5: Felsrutschung des miozänen oberen Korallenkalkes auf dem darunter liegenden, weichen Blauen Ton (= Mittel-Miozän, NN 5, freundliche Mitteilung von Prof. Dr. E. MARTINI, Kronberg/Ts.) an der Südwest-Küste von Malta nördlich von Golden Bay (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

Mit großer Sicherheit beobachteten die Neolithiker die auf dem mittelmiozänen Blauen Ton (= NN 5 = Nannoplankton-Neogen 5) abgleitenden Felstrümmer des oberen Korallenkalkes an den diversen Steilküsten der Maltesischen Inseln (Abb. 5). Diese Beobachtung war wahrscheinlich die Grundlage zur Nutzung des gewässerten Blauen Tones als Gleitmittel für die Schlittenkufen. Dabei hinterließen die Schlittenkufen dann die vielen äquidistanten Karrenspuren (Breite: 1,10-1,30m; Tiefe: maximal bis 0,45m), wie sie besonders eindrucksvoll mit ihren unterschiedlichen Kurvenradien und Vereinigungen aus den neolithischen Steinbruch-Arealen bei Clapham Junction und bei der Höhle Ghar il Kbir östlich von Dingli/Malta zu beobachten sind (Abb. 6). Die (konjugierenden) Karrenspuren führen normalerweise immer bergab und nutzen somit die natürlichen Höhenunterschiede und die Schwerkraft zwischen dem hoch gelegenen Gewinnungsgebiet (= Steinbrüche) und den tiefer liegenden Absatzräumen (= Mega-Bauten) zweckmäßig aus. Sie tauchen an der Küstenlinie heute ohne Unterbrechung vom Land ins Meer ab (Abb. 7) und erreichen Meerestiefen von mindestens 7m unter NN (MIFSUD et al. 2001), so dass – aufgrund der inzwischen längst bekannten, nacheiszeitlichen Meeresspiegel-Anstiegskurve (FAIRBANKS 1989, STREIF 2006) – diese Karrenspuren bereits im Neolithikum (ab 5.000a v. Chr.) angelegt wurden. Diese elegante Transporttechnik von großen Lasten wurde dann bis zur römischen Zeit genutzt, da geeignete Räder- und Achsenkonstruktionen für Schwerlasten erst im 19 Jahrhundert technisch entwickelt und gefertigt wurden.

Als eindrucksvolles Beispiel gilt auch der Bau der Ägyptischen Groß-Pyramiden, die mit Hilfe von Holzschlitten über Rampen die bis zu 2,5 Millionen Steinblöcke à 2,5 to Gewicht (= Cheopspyramide bei Gizeh) errichtet wurden und dabei den im Niltal vorhandenen holozänen organischen Nilschlamm als ein probates Schmiermittel („Schlammseife“) zum Gleiten für die Holzschlitten einsetzten. Nasser Sand wäre dazu viel zu ungeeignet gewesen (FISCINA et al. 2012), zumal die schnelle Absickerung und Austrocknung diesem Vorhaben in semiariden und ariden Gebieten (u. a. Ägypten) ein klägliches Ende bescheren würde. Laborversuche und Geländewirklichkeit sind bekanntlich oft zwei Paar Stiefel, obwohl das hydrogeologische Phänomen der Quicksande (bei Wassersättigung und Schallanregung) schon lange bekannt sein dürfte.

Eine Alternative zum Transport großer Felsbrocken in heißen Klimazonen besteht in Klimazonen mit längeren Frostperioden im Winter z. B. für die neolithischen Monolithe und die Großsteingräber Mitteleuropas. Auch hierbei wurden Schlitten eingesetzt, die – zusammen mit den jeweiligen Lasten – auf gefrorenem, schneebedecktem Untergrund von Zugtieren oder Menschen über weite Strecken transportiert werden konnten. Im relativ schneearmen China wurden dazu auch mit Grundwasser besprengte Gleitbahnen aus örtlich gegrabenen Brunnen bei Frosttemperaturen angelegt, um große Steinkomplexe zum Bau von Tempeln und den Kaiserpalästen in Peking und Nanking per Holzschlitten anzuliefern.

 

Abb. 6: Karren-Spuren mit bergabführender Konjunktionsstelle, Blick bergab vom ehemaligen neolithischen Steinbruchgelände bei der neolithischen Höhlen-Anlage Ghar il Kbir östlich Dingli/Malta, im Hintergrund: Mdina/Rabat (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

 

Abb. 7: Ins Meer abgehende und bis 7m unter NN abtauchende Karren-Spuren im (Natur-) Hafen von Birzebbuga/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 04/1994)

 

Die großen Findlinge der bronzezeitlichen Hünengräber in Mitteleuropa könnten genauso mit entsprechenden Schlitten im Winter bei Bodenfrost, Eis- und Schneeauflage als ideales Gleitmittel transportiert worden sein, wie dies französische Pioniere für die Errichtung des Turenne-Denkmals durch Findlingstransporte (bis 45to Gewicht) in Sasbach/Mittelbaden noch um 1826/27 praktiziert haben (ORTLAM 2003). Erst die technische Entwicklung von hochwertigen Metallachsen für entsprechende Lastfahrzeuge ab Mitte des 19. Jahrhunderts lassen solche hohen Gewichte mit Hilfe von Rädern transportieren.

 

3. Die Dach-Konstruktion der neolithischen Mega-Bauten

 

Bei der Rekonstruktion der neolithischen Mega-Bauwerke blieb bisher eine wichtige Frage offen: aus welchem Material bestand eigentlich die Dach-Konstruktion, da Reste davon bis heute – trotz intensiver Suche – nicht aufgefunden werden konnten?

Bisher nahm man an, dass eine hölzerne Dach-Konstruktion wahrscheinlich wäre (SULTANA 2006, S. 21), obwohl eigentlich ein in Ta´Hagrat/Mgarr (Malta) aufgefundenes Kleinmodell auf aufrechtstehende, halbrunde Steinplattenstürze („halbe Käselaibe“) hinweist. Ebenso die ausgehauenen steinernen Scheingewölbe des Hypogäums in Paola/Malta und eine Wandeinritzung der Anlage von Mnajdra mit horizontalen Steindeckeln (Abb. 8). Beide Materialien – Holz und Stein – sind jedoch aufgrund des vergangenen maltesischen Klimas durchaus erhaltungsfähig, wurden aber – trotz emsiger Suche – bisher nicht gefunden. Insofern muss man davon ausgehen, dass auch andere Dach-Konstruktionen in Frage kommen, worauf es zwischenzeitlich etliche Hinweise durch genaueres Beobachten an den entsprechenden Bauwerke gibt, die bisher einfach übersehen wurden.

 

 

Abb.8: Eingeritztes Bau-Modell mit horizontalen Decksteinen in der neolithischen Megalith-Anlage von Mnajdra/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 04/1994)

 

Gegen eine Holzbalken-Konstruktion spricht auch die Gestaltung der relativ glatten oberen Bautenabschlüsse der Anlagen von Gigantija, Ha`gar Qim, Mnajdra und Mittel-Tarxien (BONANNO 2005, S. 17, 27, 31 und 43), die keine Einkerbungen zur Aufnahme etwaiger Dachbalken erkennen lassen (Abb. 9). Stattdessen beobachtet man ein unvollständiges Scheingewölbe im oberen Bauwerksbereich und ein leichtes zentripetales Einfallen der glattgeschliffenen Oberflächen der Mauer-Decksteinabschlüsse (BONANNO 2005, S. 43), deren Habitus nun wesentliche Ansatzpunkte für die Lösung der – bisher nicht auffindbaren -- Dach-Konstruktion liefern. Bisher scheint man sich recht wenige Gedanken über die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Fehlen von Dachresten und dem relativ guten Erhaltungszustand der Umfassungsmauern der Megalith-Bauten gemacht zu haben. Aber gerade eben darin liegt der Schlüssel zur Lösung dieses mehr als 150-jährigen Problems, das nur interdisziplinär zu lösen ist. Insofern waren neue Beobachtungen und Ideen -- gepaart mit der praktischen Welt der Neolithiker – angesagt, z. B. in den neolithischen Erdbauten (Scarabray) mit Tiffinagh-Inschriften auf den Orkney-Inseln nördlich Schottland, deren Wappentier der Drachen ist: ein Hinweis auf einen gewaltigen historischen Tsunami vor ~8.500 Jahren im Nordatlantik und der Nordsee (ORTLAM 2001b), ausgelöst primär von einem außerirdischen Impakt-Geschehen (= weltumspannende Sintflut) und sekundär von der Storregga-Rutschung des westnorwegischen Schelfes

 

 

Abb. 9: Glatter, zentripetal geneigter Mauerabschluss der neolithischen Megalith-Anlage Hal (Mittel-) Tarxien, Paola/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 04/1994)

 

 

Abb. 10a und b: Vertikales (Tür-)Seilloch (links) und horizontales (Basis-)Seilloch (rechts), sogenannte Fels-Achter (hiermit) am Eingang der neolithischen Megalith-Anlage von Ha`gar Qim/Malta (Fotos: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 04/1994)

 

Zusammen mit -- bisher kaum gewürdigten -- Befestigungspunkten an den Außenwänden und an der Basis vieler Megalith-Bauten (u. a. Ha`gar Qim, Mnajdra, Gigantija und Tarxien) in Form von Seillöchern (= künstlichen Stein-Ösen, nach ihrer Erscheinungsform als Fels-Achter hiermit benannt, Abb. 10) und Kugelklemmen für Seilabspannungen (als Kugel-Häringe hiermit benannt, Abb. 2 und 11) liegt der Gedanke nahe, dass die Dächer aus zusammengenähten Tierhäuten mit entsprechenden Abspannseilen bestanden. Bei einer Aufgabe der Bauten wurden diese – zusammen mit den ähnlich funktionierenden Türfellen nebst Befestigungsschlaufen und mit dem Hausinventar – entfernt und mitgenommen. Daher fand man bisher auch keine Dach-Konstruktionen. Die uralten bis rezenten Kugel-Befestigungstechniken, Fels-Achter und Fels-Poller lassen sich noch heute an vielen natürlichen Hafenanlagen (u. a. in Birzebbuga und Lazaretto Bay, Ta´Xbiex/Malta) beobachten (Abb. 12 und 13). Sie verlangen nicht nach der idealen Kugelform, wie diese Unrund-Kugeln in der Anlage von Tarxien durchweg zu beobachten und schwerlich als Rollsteine für den Transport schwerer Lasten vorstellbar sind (Abb. 2).

 

 

Abb. 11a und b: Horizontales (Basis-)Seilloch (links) und (Basis-)Kugel-Häring (= Kugel in Felshohlform), Außenmauer der neolithischen Megalith-Anlage von Hal (Mittel-)Tarxien, Paola/Malta (Fotos: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 04/1994)

 

 

Abb. 12 a und b: Horizontales Seilloch (= Fels-Achter, links), abgetauchte Kugel- und Block-Häringe als Poller (Pfeile) und horizontales Seilloch (= Fels-Achter, rechts, Schrägpfeil) zur neolithischen bis rezenten Schiffsanbindung im (Natur-)Hafen von Birzebbuga/Malta (Fotos: Prof. Dr. D. ORTLAM, 04/1994)

 

 

Abb. 13 a und b: Horizontales Seilloch (= Fels-Achter, links) und abgetauchter Fels-Poller zur neolithischen bis rezenten Schiffsanbindung im (Natur-)Hafen der südlichen Lazaretto Bay, Ta´Xbiex/Malta (Fotos: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

Die Fell-Dächer dienten jedoch einem weitaus wichtigeren Zweck. Aus ganz bestimmten Gründen errichtete man die neolithischen Megalith-Bauten nicht nur auf den Maltesischen Inseln sondern auch weltweit an erhöhten Stellen. Aus hydrogeologischen Gründen gibt es bekanntlich auf Anhöhen wegen des fehlenden Einzugsgebietes weit und breit keine Quellen zur wichtigen Trinkwasserversorgung. Während das Trinkwasser daher mühselig von den weitentfernten (Küsten-)Quellen heranzuschaffen wäre, war die Nahrungsbelieferung von den umliegenden Äckern und Weiden recht einfach zu bewerkstelligen. Insofern kamen die Neolithiker auf die naheliegende Idee, die Felldächer als Regen-Auffangwannen und -Zisternen zu nutzen (Abb. 14). Das zentrale Abflussloch war normalerweise zugebunden und wurde nur zeitweise nach Bedarf für die Befüllung der darunter befindlichen Mega-Tonbehälter mit ~500 Liter Wasser (Abb. 15) geöffnet. Solche Riesengefäße machen ansonsten keinen Sinn! Das Restwasser in der Dachfell-Zisterne kann sowohl als Beschwerung und Sicherung der Dach-Konstruktion bei Stürmen als auch – bedingt durch die hohe Verdunstungskühle – als angenehme Klimaanlage genutzt werden. Eine ähnliche Konstruktion, aus einer Flachdachzisterne gutes Trinkwasser zu gewinnen, findet man heute noch auf der sehr regenarmen ostkanarischen Insel Lanzerote vor. Dabei wird in den Zisternenablauf noch eine Wurzeleinheit als Biofilter eingebaut, um Feinteile und Verkeimungen vor dem Eintritt in den Zisternen-Behälter zurückzuhalten.

Die neolithischen Megalithiker waren also sehr clevere, ideenreiche Bewohner der Maltesischen Inseln und wurden bisher starkunterschätzt. Diese Fehleinschätzung lässt sich auch in den einschlägigen Forschungszweigen der Vergangenheit leider häufig beobachten, dass wir unseren Vorfahren so wenig an Innovationskraft zumuten. Wenn wir wüssten, welch reichhaltiges Wissen in der mehrfach abgebrannten Bibliothek von Alexandria steckte, was uns durch die verschiedenen Brände leider verloren ging, dann würden wir heute nur noch über das große Innovationspotential vor der Zeitenwende bis weit ins Paläolithikum staunen (ORTLAM 2000).

 

 

Abb. 14: Rekonstruktion der Felldächer von neolithischen Megalith-Anlagen der Maltesischen Inseln zur Regenwassersammlung mit einem Mega-Tongefäß als Zisterne und zeitweilig als Klimaanlage dienend, Zeltabspannungen mit vertikalen (Außenwand) und horizontalen Fels-Achter sowie Kugel-Häringe an der Basis (Entwurf: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen)

 

 

Abb. 15a und b: Mega-Tongefäße als Regenwasser-Zisternen (>500Liter Wasser-Inhalt); neolithische Megalith-Anlage von Hal (Mittel-)Tarxien, Paola/Malta (Foto: Prof. Dr. D. ORTLAM, Bremen, 02/2008)

 

4. Danksagung

 

Meine Ehefrau, Frau Dipl.-Religionswissenschaftlerin Söster-Ferun ORTLAM begleitete mich im Jahre 1994 beim ersten Forschungsaufenthalt auf den Maltesischen Inseln und förderte die neuen Lösungsansätze mit vielen kritischen Fragen und Anregungen aus dem religionswissenschaftlichen Bereich. Herr Dr. Michael ALEXANDER und seine Ehefrau (Ta´Xbiex/Malta) gaben durch Ihre freundliche Einladung im Frühjahr 2008 Anlass zur Weiterführung und zum Abschluss der vorliegenden Arbeit. Mein Sohn, Dr. A. ORTLAM (Rotenburg/W.), und die Firma Capaz G.m.b.H., Oberkirch (Direktor Dr. G. KOCH und seine Mitarbeiter St. KOCH und J. HUBER sowie Frau St. Fischer) waren behilflich bei der Integration der Abbildungen und der Umsetzung ins Internet. Die nannopaläntologische Einstufung des mittelmiozänen Blauen Tons als Gleitmittel für die neolithischen Gesteinstransportschlitten in den Karrenspuren erfolgte durch Herrn Prof. Dr. E. MARTINI (Kronberg/Ts.).

 

5. Literatur

 

BONANNO, A. (2005): Malta – ein archäologisches Paradies. – 72 S., zahlreiche Abb. (M. J. Publications Ltd.) La Valletta (deutsche Übersetzung von R. KAUFMANN).

FAIRBANKS, R. G. (1989): A 17,000-year glacio-eustatic sea level record: influence of glacial melting rates on Younger Dryas event and deep-ocean circulation. – Nature, 34:637-642, 6 figs., London.

FISCINA, J. E., PAKPOUR M., FALL A., VANDEWALLE N., WAGNER, C. & BONN D. (2012): Dissipation in quasistatically sheared wet and dry sand under confinement. – Physical Review, E 86 (020103 R):1-4, 5 figs., Washington.

KIRCHER, A. (1678): Mundus subterraneus.-- 2. Aufl., 2 Bde., 366 S. bzw. 507 S., zahlreiche Illustr. u. Ktn., (J. Janssonium à Waesberge & Filios) Amsteldami.

MALONE, C., BONANNO, A., GOUDER, T., STODDART, S. & TRUMP; D. (1994): Totenkult und Ende der archaischen Kultur Maltas. – Spektrum d. Wiss., 2/1994:82-90, 5 Abb., Stuttgart.

MIFSUD, A., MUFSUD, F., SULTANA, C. A. & VENTURA, C. S. (2001): Malta – Echoes of Plato´s Island. – 86 p., many figs., 11 pl., (The Prehistoric Society of Malta) St. Julians/Malta.

ORTLAM, D. (1989): Geologie, Schwermetalle und Salzwasserfronten im Untergrund von Bremen und ihre Auswirkungen. – N. Jb. Geol. Paläont. Abh., 1989,8:489-512, 11 Abb., 3 Tab., Stuttgart.

ORTLAM, D. (2000): Eine neue Idee: Kulturschutzgebiete. – GAIA, 9 (2000), 3:176-178, 3 Abb., (Nomos) Baden-Baden.

ORTLAM, D. (2001b): Geowissenschaftliche Erkenntnisse über den Untergrund Bremerhavens und ihre wirtschaftliche Bedeutung. – Bremisches Jb., 80:181-197, 9 Abb., Bremen.

ORTLAM, D. (2003): Die Wiege des Turenne-Denkmals im Lichte neuester Glazialforschungen im Nordschwarzwald – Eine geowissenschaftlich-historische Synthese. – Die Ortenau, 83:393-418, 22 Abb., 1 Tab., (Histor. Ver. Mittelbaden) Offenburg/Baden.

ORTLAM, D. (2008c): New aspects on the solution about cart-ruts and construction of roofs of Megalithic buildings at the Maltese Islands. – 3 p., 1 fig., (translation into English by M. Alexander), published into Internet under www.dr-ortlam.de (with actuel suppliments).

STRABO(N) (~28 n. Chr.): Geographica. – deutsche Übersetzung u. Anmerkungen von A: FORBIGER (1856), 1341 S., (Marix) Wiesbaden 2005.

SULTANA, S. ((2006): The National Museum of Archeology La Valletta – The Neolithic Period. – 40p., many figs., (heritage books) Malta.

STREIF, H. J. (2006): Meeresspiegelanstiegskurve der Nordsee nach der letzten Kaltzeit.—In: Expedition Erde, 2. Aufl., – Mensch und Küste (Hrgb. D. HEBBELN & G. WEFER):296-303, 9 Abb., Bremen.

ZAMMIT, T. (1916): The Hal-Tarxien Neolithic Temple. -- >200 S., zahlreiche Abb., (F. Hall) Oxford.

 

 

Erst-Publikation: 2008; Fassung: 02/2014

 

*Adresse des Autors und Copyright: Dir. und Prof. Dr. Dieter ORTLAM, Postfach 102701, D-28027 Bremen.