Die Wiege des
TURENNE-Denkmals im Lichte neuester Glazialforschungen
im Nordschwarzwald
--
Eine geowissenschaftlich-historische Synthese --
In
memoriam Dr. Walter FAULER, Freiburg/Brsg. (1908-2002)
von
Dieter
Ortlam, Bremen*
Mit
22 Abbildungen und 1 Doppel-Tabelle
Copyright,
alle Rechte vorbehalten
Zur
Errichtung des dritten TURENNE-Denkmals in Sasbach (Mittelbaden) wurden
zwischen 1826 und 1829 ungewöhnlich große Granit-Findlinge im Nord-Schwarzwald
gesucht und schließlich als Rohmaterial verarbeitet. Der Autor suchte ebenfalls
in den 90er Jahren laufend nach überdimensionalen Gesteinsblöcken in
ungewöhnlicher geologischer Position im Schwarzwald und anderen Mittelgebirgen,
um seine These einer mächtigen Nordischen Inlandvereisung eines eigentlich nach
Lehrbuch eisfreien Raumes in Mitteleuropa zu untermauern. Dadurch ergab sich
der Kontakt mit dem gerade wieder eröffneten TURENNE-Museum -- zusammen mit dem
Eigentumsübertrag an die Gemeinde Sasbach – und die Aussicht, den Ursprung und
die Dimension der großen Findlingsblöcke für das dritte TURENNE-Denkmal zu
erforschen.
In
den letzten beiden Kaltzeiten (früher: Eiszeiten), der Würm- bzw. der
Riss-Kaltzeit, erfolgte im sogenannten Periglazialraum (= inlandeisfreies
Gebiet in den beiden letzten Kaltzeiten; THOME 1998) zwischen dem bis zu
4000m mächtigen Nordischen Inlandeis (EISSMANN 1997) nördlich der deutschen
Mittelgebirge und dem Alpen-Eis südlich der heutigen Donau nur in hochgelegenen
Gebirgsabschnitten eine bescheidene, lokale Eigenvergletscherung mit
unterschiedlich langen Tal-Gletschern (bis maximal 20km in Vogesen/Schwarzwald)
und einer abschließenden Kar(seen)-Bildung als letzter Akt der abschmelzenden
Tal-Gletscher (z. B. Mummelsee, Glaswaldsee und Feldsee; FEZER 1957, ROTHER
1971, SCHREINER 1992).

Abb.
1: Giersteine (Forbachgranit, 425m NN) als Warzenfelsen auf einem Bergsporn
(Pfeil) östlich Forbach-Bermersbach (Nord-Schwarzwald), Blick nach Osten über
das 100m tief eingeschnittene Murgtal zum Buntsandsteinkamm der Teufelsmühle
(links, 900m NN).

Abb.
2: Konvexer Granit-Wollsack mit (!) konkaven, subglazialen
Schmelzwasser-Ablaufrinnen vom Top des westlichen Giersteins (425m NN).

Abb.
3: Chaotische (!konkave) Dach-Gletschertöpfe (z. T. mit Übergängen zu
Blumenkohlstrukturen) mit konkaven, subglazialen Schmelzwasser-Ablaufrinnen
nach rechts (vgl. Abb. 2) auf dem Top des westlichen Giersteins (Granit, 425m
NN).

Abb.
4: Ovaler (!konkaver) Dach-Gletschertopf mit konkaver, subglazialer
Schmelzwasser-Ablaufrinne nach rechts auf dem Top des östlichen Giersteins
(Granit, 423m NN).

Abb.
5: Seiten-Gletschertöpfe im subglazialen Kar-Tobel der Teufelslöcher (Eck´sches
Konglomerat, Unterer Buntsandstein; 720m NN) östlich Loffenau
(Nord-Schwarzwald).
Durch
umfangreiche Beobachtungen auf den diversen Felsbastionen in den höchsten
Kammlagen (bis 1300m NN) der Mittelgebirge Zentraleuropas lässt sich jedoch
anhand von zahlreichen Dach- und Seiten-Gletschertöpfen (ORTLAM 1994) mit den
jeweiligen chaotischen Felsablaufrinnen (Abb. 2 bis 5) zwischenzeitlich der
Nachweis einer mächtigen Inlandvereisung -- ohne Vorhandensein eines
Periglazialraumes -- in Mitteleuropa erbringen, d. h. das (im Zentrum bis 4000m
mächtige) Nordische Inlandeis und die (im Zentrum bis 2500m mächtige)
Alpeneis-Kalotte haben sich nicht nur lokal "geküsst", sondern sich
auf breiter Front irgendwo in Süddeutschland vereinigt (ORTLAM 1994 und 2001).
Dies geschah jedoch vor der Riss-Kaltzeit in einer älteren Kaltzeit
(Mindel-Kaltzeit oder älter), da das von einem Inlandeiskörper geprägte
Gletschertopf-Inventar auf den Gipfelfluren und deren aufgesetzten
Felsbastionen nicht von lokalen (Tal)-Vergletscherungen abgeleitet werden kann,
wie dies heute in den Alpen zu beobachten ist. Leider ist das Alter den
Gletschertöpfen auf diesen Felsbastionen der hoch gelegenen Mittelgebirgskämme
aber nicht anzusehen -- abgesehen von zwei zu beobachtenden verschiedenen
Verwitterungsrauigkeiten der Topf-Oberflächen (ORTLAM 1994) -- , sodass nun die
Erkundung und Datierung etwaiger glazialer Sedimente aus dieser Kaltzeit
angesagt waen. Der Verfasser suchte diese Hohlformen in den letzten Jahrzehnten
bewusst nicht auf verkarstungsfähigen Gesteinssubstraten (u. a. Dolomit,
Kalk und Gips) und nicht in Tälern, um eine eindeutige genetische
Aussage zu erhalten. Nichtsdestotrotz können auch in solchen Gebieten
zweifelsfrei Gletschertöpfe beobachtet und nachgewiesen werden (z. B.
Schwäbische Alb, auf dem jurassischen Kalk-Hammelrücken = roche moutonnée des
berühmten Potala in Lhasa/Tibet ORTLAM 2000, das oft aufgesuchte Edelfrauengrab
bei Ottenhöfen/Nord-Schwarzwald und der bekannte "Woog" im
Südschwarzwald nach REICHELT 1960, wie dies aus Abb. 6 ersichtlich ist).

Abb.
6: Großer (Ø 6m) und Kleiner (Ø 3m) Woog als Tal-Dach-Gletschertöpfe
(Pfeile) im Albtal-Granit des Ibach-Schwarzenbach-Tales (ca. 865m NN, 5km
südöstlich Todtmoos, Hotzenwald/Süd-Schwarzwald) auf einer Anhöhe neben
dem heutigen Bachlauf (mit relativ geringer Wasserführung).
Um
diese glazialen Sedimente zu entdecken, war es im Schwarzwald und dem
angrenzenden Oberrheingraben notwendig, anhand von (leider allzu seltenen)
Tiefenaufschlüssen unter die dachziegelartig in der Vorbergzone
liegenden, äolisch gebildeten und alles den Untergrund verhüllenden
Löß-/Lößlehm-Decken zu schauen, deren Alter die beiden letzten Kaltzeiten
(Riss- und Würm-Kaltzeit) umfasst (FAULER 1936). Erste Hinweise kamen dabei von
Kernbohrungen im Untergrund und den Flanken des Achertales des Raumes Achern
(z. B. Kernbohrungen am Wasserbehälter "Waldsee"; Abb. 19), wo
zahlreiche Hinweise auf vorhandene mächtige Grundmoränen vorlagen
("Bergkies" in den Bohrbeschreibungen, z. B. der Fa. A. KELLER,
Baden-Baden-Steinbach). Diese sind wasserwirtschaftlich wegen ihres bindigen
Unterkorns einfach nicht nutzbar, obwohl der Versuch dazu von (unkundigen)
Fachleuten immer wieder unternommen wird, leider vergeblich und kostenträchtig
für den Auftraggeber..
Außerdem
ergaben sich aus paläontologischen Untersuchungen dieser merkwürdigen
strukturfreien Ablagerungen mit ihrem weiten Kornspektrum
((Ton-Schluff-Sand-Kies-Steine/Findlinge/Erratikas, Abb. 19) Hinweise auf einen
bunten "Abfallhaufen" von Fossilien meso- und känozoischen Alters,
was für vom Eis zusammengeschobene Schichten des Untergrundes zu Grundmoränen
typisch ist. In Norddeutschland stellt dies bei vielen glazialen Serien (z. B.
Lauenburger Schichten der Elster-Kaltzeit und bei Grundmoränen, ORTLAM &
VIERHUFF 1978) die Regel dar und konnte dort in Hunderten von bis zu 510m
tiefen Aufschlussbohrungen der Wasserwirtschaftlichen Rahmenplanung
Nord-Niedersachsens immer wieder festgestellt werden.
Ergänzend
zu diesen glazialgeologischen Erkundungen ergaben sich noch Hinweise zur
Klärung eines von WAGER (1931) bei Ottenhöfen beschriebenen
Rotliegend-Vorkommens in ungewöhnlich tiefer Position.
Als
Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts die Ortsumgehungstrasse von
Kappelrodeck im Achertal (Nordschwarzwald) nach langer Planungsphase endlich
gebaut wurde, musste dabei die Achertalbahn mit einem Tunnel zwischen
Kappelrodeck und Furschenbach unterquert werden (Abb. 7). Dabei ergab sich die
sehr seltene Gelegenheit zu einem Tiefenaufschluss für glazialgeologische
Forschungen, die der Autor schon seit Jahrzehnten nicht nur im Schwarzwald,
sondern auch in Mitteleuropa und weltweit betreibt.

Abb.
7: Trogbauwerk Furschenbach (Ortsumgehung Kappelrodeck) im Achertal
(Nord-Schwarzwald) mit eingebrachter Betonschlitzwand der Nordseite und
zahlreichen kantengerundeten Erratikas (Findlinge bis 150to Gewicht) in einer
8m mächtigen, im ganzen Achertal verbreiteten Grundmoräne (130-330m NN).
Untergrund: Achertalgranit (220m NN)

Abb.
8: Groß-Erratikum aus feinkörnigem Seebachgranit (>150to Gewicht) in der
Grundmoräne der Umgehungstrasse bei der Station Kappelrodeck-Ost (230m NN).
Untergrund: grobkörniger Achertalgranit.
Die
darauf folgenden Untersuchungen erbrachten neue Erkenntnisse zu den
eiszeitlichen Gegebenheiten des Nordschwarzwaldes dergestalt, dass zuerst für
die Straßenbauer ungewöhnlich viele und vor allem sehr große
Findlinge/Erratikas (=Gesteinsblöcke auf fremdem Untergrund) bis 150to Gewicht
im Erdaushub des Tunnelbauwerkes vorgefunden wurden (Abb. 8) und unter höherem
finanziellen Aufwand als geplant entfernt werden mussten. Des Straßenbauers
Leid, war aber in diesem Fall des Geologen Freud´, zumal dieser schon lange
anhand vieler und großer Findlingsfunde entlang des Achertales die Vermutung
hatte, dass deren Entstehungsgeschichte keineswegs fluviatiler (=vom Fluss
transportiert) sondern vielmehr glazialer Genese (=vom Eis transportiert) sein
dürfte. Es war nämlich von der Fließdynamik dieses relativ kleinen Flusses
Acher einfach nicht vorstellbar, dass – überwiegend kantengerundete --
Gesteinsblöcke mit mehr als 10to Gewicht in einer großen natürlichen
Hochwasserwelle oder (kleineren) Schwallungen im Zuge des ehemaligen
Flößereibetriebes vergangener Jahrhunderte entlang der Acher transportabel
waren. Da viele Findlinge außerdem eine längere Transportstrecke (>5km) aus
ihren Vorkommen der hinteren und oberen Talabschnitte der Acher zurückgelegt
hatten z. B. Gneis der Legelsau (Grimmerswaldtal), feinkörniger Seebachgranit
(Seebachtal), Buntsandstein des Bergkammes (Ruhesteingebiet), Quarzporphyre des
Karlsruher Grates (Gottschlägtal/Edelfrauengrab als nun erkannte
Tal-Gletschermühle), also als echte Erratikas anzusehen sind, kamen auch
solifluidale Vorgänge ("Hangfließen") für die große
Verfrachtungsweite nicht in Frage, obwohl kleinere Solifluktionsdecken (ohne
Inhalte von Findlingen/Erratikas) an verschiedenen Talflanken der Acher örtlich
durchaus nachzuweisen sind (REGELMANN 1934).
Interessant
war jedoch die Beobachtung, dass diese zahlreichen Findlinge/Erratikas im ca.
10m tiefen und ca. 100m langen Tunnelaufschluss bei Furschenbach in einer
kiesig-sandig-bindigen Matrix schichtungslos eingebunden waren, sodass
eine 8m mächtige Grundmoräne daraus – zusammen mit den typisch kantengerundeten
Blöcken -- abgeleitet werden konnte (Abb. 7 und 9). Die Grundmoräne lag
außerdem dem im Untergrund anstehenden nicht aufgewitterten, sondern glatt
polierten (grobkörnigen) Achertal (Oberkirch)-Granit
(="Schwartenmagen"-Granit) mit scharf gezogener Begrenzung auf,
dessen Oberfläche sich außerdem als Gletscherspiegel mit Kritzen (=Schrammen)
darbot (Abb. 10).

Abb.
9: Grundmoräne mit messerscharfer Grenze auf grobkörnigen Achertalgranit.
Umgehungstrasse Kappelrodeck/Ibergstraße (220m NN).

Abb.
10: Messerscharfe Auflagerung von Grundmoräne (mit Unterkante der 8m tief
eingebrachten Betonschlitzwand) auf glattpoliertem Achertalgranit mit
Gletscherkritzen ("Gletscher-Spiegel" rechts vom Brillen-Etui).
Nordwand des Trogbauwerkes Furschenbach der Umgehungstrasse Kappelrodeck (etwa
220m NN, vgl. Abb. 7).
An
den heute gut einsehbaren (Reb-)Talflanken des Achertales lassen sich lokal aus
den Hängen deutlich herausragendende Felsbastionen beobachten, wie z. B. die
bereits abgebildeten und beschriebenen Giersteine bei Bermersbach/Murgtal (Abb.
1 bis 4), der bekannte Dasenstein im Achertal oberhalb Kappelrodeck (Abb. 11),
einzelne Solitärfelsen an den Rebflanken des Bienenbuckels und der markante
Kutzenstein oberhalb von Waldulm/Mösbach. Letzterer trägt auch zahlreiche
Dach-Gletschertöpfe, deren höhere Teile leider durch menschliches Einwirken
Anfang des letzten Jahrhunderts teilweise abgetragen wurden. Diese Warzenfelsen
(=eisbeschliffener Härtling; hiermit) weisen deutliche Verformungen auf, die
auf talabwärts gerichteten Gletscherschliff hinweisen ("roche
moutonnée=Hammelrücken), sodass die Genese dieser Warzenfelsen hauptsächlich
als Gesteinshärtlinge zu deuten wäre. Einige Gesteinsblöcke der Grundmoräne
zeigten außerdem ebenfalls glazial bedingte Oberflächen-Schrammen/Kritzen (Abb.
12) sowie sogenannte Polster-Kalifeldspäte (hiermit) mit abgerundeten Kanten
und kleinen Kritzen (Abb. 13), entstanden durch ihre größere
Gesteinswiderstandsfähigkeit gegenüber den umgebenden Gesteinspartien beim
erosiven Grundmoränen-Transport (Mini-Gesteinshärtlinge/-Warzen).

Abb.
11: Der Dasenstein oberhalb von Kappelrodeck als eisgeschliffener
Gesteinshärtling (=Warzenfelsen, hiermit) mit Bebuschung.

Abb.
12: Feinkörniger Seebachgranit mit Gletscherschrammen/-kritzen an der
Umgehungstrasse Kappelrodeck/Ibergstraße aus der blockreichen Grundmoräne des
Achertales.

Abb.
13: Grobkörniger Achertalgranit mit Polster-Kalifeldspatoblasten als
eisgeschliffene Mini-Härtlinge mit Gletscherkritzen, Umgehungstrasse
Kappelrodeck/Ibergstraße.
Diese
eisbeschliffenen und (Oberflächen-)erhabenen Polster-Kalifeldspäte lassen sich
im Bereich des Achertal- (Oberkirch-)Granites allenthalben beobachten, z. B. am
Himbeer-Schrofen und dessen Blockgletscher-Meer (Buchwaldkopf östlich
Kappelrodeck), am Fuchs-Schrofen/Katzenstein und deren
Straubenhof-(Blockgletscher-)Meer (Gipfel des Brigittenschlosses südöstlich
Sasbachwalden; vgl. ROTHER 1965, Photo 4), an Findlingen aus den
(Grundmoränen-)Baugruben der "Talmühle" und der Winzergenossenschaft
Sasbachwalden sowie am Hardstein und dessen Habichtal-(Blockgletscher-)Meer
(Omerskopf östlich Lauf; vgl. ROTHER 1965, Photos 2 und 3). Alle diese ca. 1km
langen Blockgletscher-Strähnen weisen eine Gemeinsamkeit auf: sie sind alle
von einem Fels-Gipfel in südliche Richtungen linear gestreckt (z. B. auch
das berühmte Felsenmeer am Felsberg im südlichen Odenwald) und sind nur als
Leelagen-Blocksträhne (primär ohne feineres Unterkorn) einer von Norden
kommenden und mehr als 1000m mächtigen und die Kammlagen überziehenden
(!Nordischen) Inlandvereisung zu deuten (Abb. 14 bis 16), – im Gegensatz zur
bisherigen Auffassung der Blockmeer-Genese von solifluidal verlagerten,
Unterkorn-reichen Blöcken einer Wollsackverwitterung mit anschließender
Freispülung der Feinteile in Talabschnitten (WILHELMY 1981, ROTHER 1962 und
1965).

Abb.
14: Gipfel-Eisschliff (Pfeil) von rechts nach links (von Norden nach Süden) auf
dem grobkörnigen Achertalgranit des Fuchsschrofens/Brigittenschloss (781m NN)
mit gut sichtbarer Blockabrissstelle für die darunter beginnende 1km lange
Blockgletscher-Strähne ("Steinernes Meer", 750-400m NN) zum
Straubenhof (südöstlich Sasbachwalden, Nord-Schwarzwald). Blick nach Westen vom
Drachenflieger-Startplatz.

Abb.
15: Granit-Felsenmeer (480-350m NN) als Blockgletscher-Strähne südöstlich des
Felsberges (495m NN, Süd-Odenwald) mit kantengerundeten und chaotisch
gelagerten Blöcken (vereinzelt mit Dach-Gletschertöpfen).

Abb.
16: Granit-Felsenmeer (800-550m NN), untergeordnet Gneisblöcke als
Blockgletscher-Strähne südlich des Omerskopfes (874m NN) im Habichtal
(Lauf-Glashütte, Nord-Schwarzwald) mit kantengerundeten und chaotisch
gelagerten Blöcken (bis 150to Gewicht).
Es lassen
sich nämlich kaum allseitig mit Blöcken umkränzte Felsgipfelhänge in
süddeutschen Mittelgebirgen beobachten (ungefähr gleichmäßige Abschotterung),
und die gesträhnten Blockmeere liegen keineswegs immer in Tälern, wo die
Feinteile zwischen den Blöcken durch fluviatilen (Suffusions-)Transport
entfernt werden können. Viele der Blockmeer-Strähnen befinden sich aber auf
Abhängen ohne fluviatile Abschwemm-Möglichkeiten und weisen oberflächlich
trotzdem kaum Feinteile zwischen den Blöcken auf. Besteht aber die Möglichkeit
zu Tiefenbeobachtungen unter die Blockmeere (= Blockgletscher der Alpen,
z. B. am Piz Corvatsch/Bernina), so schwimmen die regellos ausgerichteten
Blöcke dann in einer feinkörnig-bindigen, strukturlosen Matrix, sodass
daraus genetisch nur eine Grundmoräne abzuleiten ist (Abb. 17). Im Umfeld des
Brigittenschlosses liegen also weitverbreitete Grundmoränen vor, die lokal von
der o. g. Straubenhof- Blockgletscher-Strähne ("Steinernes Meer")
nach Süden überlagert ist. Sekundäre, solifluidale Prozesse in den letzten
beiden Kaltzeiten sind durchaus anzunehmen und überprägen dabei die primäre
Genese, sodass hieraus auch andere Transportrichtungen – abweichend vom
Südquadranten der Blockgletscher-Strähnen – vor
allem auf der Ostabdachung des Nordschwarzwaldes zu beobachten sind (FEZER,
GÜNTER & REICHELT 1961).

Abb.
17: Grundmoräne mit kantengerundeten, chaotisch gelagerten Blöcken in
strukturloser Feinmatrix am Westrand der Blockgletscher-Strähne
Fuchsschrofen-Straubenhof ("Steinernes Meer"), Großbaugrube
(Wandhöhe: 6m; 550m NN) am Schlossberg östlich Sasbachwalden-Hörchenberg
(Nord-Schwarzwald).

Abb.
19: Geologischer Schnitt zwischen Knetschwasen-Pass und dem Acherdelta-Fächer
in der östlichen Oberrhein-Ebene des Raumes Achern mit den unter den
Löß-/Lößlehmdecken weit verbreiteten Grundmoränen des Achertales einschließlich
dessen (!)Flanken.
Die
Verbreitung der stark mit Findlingen/Erratikas durchsetzten mächtigen
Grundmoränen ist aber nicht nur im Bereich Kappelrodeck -- wobei Kappelrodeck
früher immer als "steinreiche Gemeinde" tituliert wurde -- anhand
zahlreicher temporärer Aufschlüsse zu beobachten. Sie lässt sich sowohl im
Taluntergrund, als auch auf den Talflanken (z. B. in einer Kernbohrung des
Wasserbehälters "Waldsee"/Bienenbuckel) zwischen der Oberrheinebene
bei Achern im Nordwesten und Hinterseebach im Südosten verfolgen (Abb. 19). So
gab es in den Jahren 2001/2002 mehrere Baugruben in Oberachern, Furschenbach,
Ottenhöfen (Rathausanbau am ehemaligen staatlichen Forstamt auf einem >10m
mächtigen Mittel-Moränenrücken zwischen Unterwasser- und Achertal), Seebach und
Hinterseebach (Sommerseite), in denen bis zu 10m mächtige Grundmoränen, z. T.
von jüngeren Solifluktionsdecken überschoben, festgestellt wurden, was bei den
Anwohnernwegen verschiedener (kostenträchtiger) Tiefbaumaßnahmen durchaus
bekannt war und ist. Auch die Ortsumgehung Kappelrodeck verteuerte sich dadurch
über Gebühr, weil die bekannten örtlichen Gegebenheiten gutachtlich nicht
ausreichend vorab erkundet wurden und die Erkundungsbohrungen
bedauerlicherweise kaum Findlinge antrafen. Ein aufmerksamer gutachterlicher
Blick in die direkt nebenan mit (Groß-) Findlingen durchsetzten Böschungen der
Acher wäre aber für die weitere Planung durchaus sinnvoll und kostengünstiger
gewesen.
Nun
klärt sich auch ein angebliches Rotliegendvorkommen im untersten Lauenbachtal
am Ortsausgang von Ottenhöfen auf, das von WAGER (1931) beschrieben wurde. In
einem persönlichen Gespräch im N.L.f.B. (Hannover) erklärte er1967 dem Autor
(damals mit Strukturkarten im Internationalen Upper Mantle-Project der
Nord-Schwarzwaldaufwölbung beschäftigt; ORTLAM 1970), dass "er zwar
Rotliegendmaterial in einer Baugrube damals gefunden hätte, jedoch wären
eindeutige Schichtungen nicht vorhanden, sondern alles etwas chaotisch gewesen,
sodass er seine Aussage auf ein echtes Rotliegendvorkommen in dieser niederen
Höhe (ca 300m NN) auch aus tektonischen Gründen nicht mehr haltbar sei"
(freundliche Mitteilung von Ltd. Dir. und Prof. Dr. R. WAGER). Diese Aussage
spricht nun eindeutig für Rotliegend-Erratikas aus den höheren Talschlüssen der
Acher und deren Nebenflüssen, glazial umgelagert in eine Grundmoräne während
einer (prä-risszeitlichen) Kaltzeit. Der wissenschaftliche Groschen war nun
beim Autor endlich gefallen, dank der damaligen kritischen Aussage von Dr. R.
WAGER. Nach über 70 Jahren wäre auch dieses Rätsel nun befriedigend gelöst.
Auf
der Suche nach immer größeren Findlingsblöcken im Achertal gab es einen Hinweis
von HIRTH (1999), dass die gewaltigen Monolithe des dritten TURENNE-Denkmals
aus dem Bereich von Kappelrodeck stammen würden, was mit den bisherigen
glaziologischen Recherchen und Befunden im Einklang stand. Auf diese Art und
Weise begab sich der Autor
auf
eine historische Recherche über die Ursprünge des dritten TURENNE-Denkmals und
nahm daher Kontakt mit dem TURENNE-Museum, der Gemeinde Sasbach und dem Haus
der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart auf, um alle
historisch-geowissenschaftlichen Fragen (z. B. die genaue Herkunft der
Findlinge im Achertal) in recht zeitaufwändiger Art und Weise abzuklären.

Abb.
18: Herkunftsort der großen Felsmonolithe für die Errichtung des
TURENNE-Denkmals von 1829 am Gipfel (ca. 380m NN) des Gewannes
"Brach" oberhalb Kappelrodeck (weißer Punkt). Die darunter gerade
abwärts führende Rinne im Rebgelände ist die "Schleif" (weiße
Markierungslinie). Blick nach Nordosten vom Kappler Schloss zum Buchwaldkopf
(rechts, 674m NN).
In
der Schlacht der Kaiserlichen Truppen unter der Leitung des Kaiserlichen
Generals Raimondo de MONTECUCCOLI mit der französischen Armee in Sasbach fiel
der französische Marschall TURENNE am 27. Juli 1675 einer gezielten
Kanonenkugel zum Opfer (FEUCHT 2000). Nach der Errichtung von zwei Denkmälern
(1785/86: eine 18m hohe schlanke Pyramide aus schwarzem elsässischen Marmor und
1796 ein Rumpfdenkmal; nach Angaben von KETTERER & KNAPP 1890) für
Marschall TURENNE durch Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts und deren Zerfall,
entschloss sich der französische Staat, ein drittes, wesentlich größeres, 12,8m
hohes Denkmal zu errichten. Dies geschah zwischen 1826 und 1829 durch die
Pionier-Direktion in Strassburg. Ausweislich des (alt-)französisch abgefassten
Abschlussberichtes des Pionier-Hauptmannes COLLAS vom 14. März 1827 (Tab. 1a) und
dessen deutscher Übersetzung (Tab. 1b) wurde zuerst im Murgtal nach
entsprechend großen Granit-Findlingen recherchiert, was jedoch ergebnislos
blieb, weil dort große Findlinge im Forbach-Granit fehlten. Dann visierte man
das damals noch "steinreiche" Kappelrodeck an und fand dort auf der
Anhöhe des Gewannes "Brach" (HIRTH 1999) östlich des Ortszentrums in
etwa 380m NN Höhe gewaltige Granit-Findlinge (Abb. 18). Nach Prüfung der
Bearbeitbarkeit dieses grobkörnig-spätigen Achertal-Granites (Oberkirch-Granit,
"Schwartenmagen"-Granit) vor Ort und in Strassburg erfolgte dann im
Winter 1826/27 der technisch ungewöhnlich schwierige Abtransport der
folgenden vier grob zubehauenen Findlingsblöcke (Abb. 20):

Abb.
20: Original-Zeichnung vom Aufbau des TURENNE-Denkmals durch den
Pionier-Hauptmann COLLAS (Strassburg) aus seinem Bericht des Jahres 1827
(Quelle: Service historique de l´armée de terre, Vincennes/Frankreich).
Der
erste steile Abtransport geschah über die "Schleif" ca. 150
Höhenmeter ins Achertal hinab, einer Rinne, die heute noch in den Rebhängen
oberhalb der Eisenbahn-Station "Kappelrodeck-Ost" deutlich zu sehen
ist (Abb. 18).Von der dortigen Talsohle gelangten diese riesigen
Gesteinsrohlinge auf schweren (Leiterwagen-)Schlitten mit umfangreichen,
doppelten Ochsengespannen -- bewusst bei starken Frostbedingungen mit
Schneeauflage – unter erheblichen Schwierigkeiten von Kappelrodeck über Achern
nach Sasbach (vgl. Tab. 1b). Dort erfolgten dann die Feinarbeiten zum Endausbau
durch den Bildhauer FRIEDRICH aus Oberachern (KETTERER & KNAPP 1890), die
Errichtung und die Einweihung des TURENNE-Denkmal-Obelisken bis zum Jahre 1829
(Abb. 20 und 21). So dienten vom Nordischen Inlandeis bzw. vom (!)1000m
mächtigen Achertal-Gletscher transportierte Granit-Findlinge als Bausteine für
das dritte TURENNE-Denkmal, das leider am 27. September 1940 auf Anordnung A.
HITLER´s durch Untergrabung zerstört und anschließend verwertet wurde (Fa.
Kurz, Obersasbach). Reste davon sind heute noch an einem Privathaus in
Obersasbach-Erlenbad vorhanden.

Abb.
21: Drittes TURENNE-Denkmal von 1829 bis 1940 mit 12,8m Höhe, errichtet
zwischen 1826 und 1829 von der Pionier-Direktion Strassburg im Auftrage des
französischen Staates. Ansicht um das Jahr 1910 mit dem Wächter PAULIN und
links der Sandsteinblock am Todesort (6. Baumstamm von links) von Henri de la
Tour d´Auvergne, Vicomte de Turenne, Maréchal Général des Armées du Roy
(Quelle: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart)

Abb.
22: Viertes TURENNE-Denkmal, errichtet aus kleineren Gesteinskompartimenten im
Auftrag General DE GAULLE´s im Jahre 1945 in Anlehnung an das dritte
TURENNE-Denkmal (Quelle: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart).
Das
vierte TURENNE-Denkmal ließ General DE GAULLE nach Abschluss des Zweiten
Weltkrieges wieder auf französischem Grund in Sasbach errichten, dieses Mal
aber aus kleineren Werksteinen eines ehemaligen Granitsteinbruches aus dem
Achertale, da die Erkundung und Bearbeitung ähnlicher Monolithe viel zu
aufwändig gewesen wäre. Dieses vierte Denkmal wurde dann am 25. Oktober 1945
eingeweiht und fungiert heute als markantes, verbindendes Denkmal -- nun auf
deutschem Grunde -- zwischen zwei jetzt befreundeten Völkern (Abb. 22).

Tab. 1:
Erste Seite des Originalberichtes (Tab. 1a) des Pionier-Hauptmannes COLLAS
(Strassburg) vom 14. März 1827 mit deutscher Übersetzung (Tab. 1b, unter:
Geow., Quartär) durch den Autor (Korrekturlesung durch Monsieur R. SCHIMPF,
Bühl/Baden). Dieser Bericht gelangte 1940 nach der deutschen Besetzung von
Paris vom Französischen Armee-Archiv nach Berlin und wurde dort 1945 bei der
russischen Besetzung Berlins wiederum über Moskau nach Leningrad requiriert.
Vom Armee-Archiv im heutigen St. Petersburg wurde dann der Bericht Mitte der
90er Jahre wieder an das Armee-Archiv in Vincennes/Frankreich zurückgegeben,
von wo er als Kopie an das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart
gelangte.
Bericht über die Arbeiten für das TURENNE-Denkmal
in Sasbach,
durchgeführt während der Pionier-Übung im
Jahre 1826
(Pionier-Direktion von Strassburg)
14. März 1827
(Französisch-deutsche Übersetzung von
Dir. u. Prof. Dr. Dieter ORTLAM, Bremen)
Kursivschrift: Ergänzungen des Übersetzers
Die Ministerialentscheidung
vom 23. Juni 1826 beinhaltet die Errichtung eines Granit-Obelisken zur
Erinnerung von TURENNE in Sasbach. Man konnte nicht sofort Hand an ein Werk
anlegen, von dem man erst danach Kenntnis erhalten hat, weil der Schaft nach
dem Wunsche des Komitees aus einem einzigen Stück bestehen sollte. Daher waren
neue Erkundungen angesagt, um einen Gesteinsblock zu entdecken, der diese
Bedingungen erfüllte. Eine Erkundung im Murgtal brachte das Ergebnis, dass der
vorgeschlagene schöne Rosa-Granit als Idee aufgegeben werden musste, weil er
dort nur in Stücken mit kleinen Dimensionen vorhanden war. Eine andere
Erkundung in der Umgebung von Sasbach ergab die Entdeckung von Findlingen mit
sehr großen Maßen über dem Dorfe Kappel(rodeck) im Tal mit gleichem
Namen. Ein (Findlings)Exemplar konnte die vom Komitee vorgegebene
Entwurfshöhe bedienen. Dieser Granit war von grauer Farbe, einem unregelmäßigen
Korn und sehr hart. Man unternahm einen Probeversuch, um sich zu vergewissern,
ob eine Aufspaltung am großen Stück möglich wäre. Das Ergebnis war so
zufriedenstellend, dass man ein Stück davon nach Strassburg transportierte,
damit man die Form und den Schliff dieser Granit-Art kennen lernen konnte, um
sie zu verwerten. Der Versuch zeigte, dass ein sauberer Schliff für eine
Bearbeitung in der Natur zu erhalten war, weil die Ausarbeitung der scharfen
Kanten und Verzierungen überall einer sehr schwierigen Ausführung bedurfte.
Alle notwendigen Versuche vor der Aufnahme der Arbeiten verursachten einen
ziemlich langen Rückstand dergestalt, dass erst am 15. September (1826)
mit der Bearbeitung der vier Findlinge begonnen wurde, um den Sockel, den
Würfel, das Gesims und den Schaft des Obelisken auszuarbeiten. Nachdem man die
Blöcke aufgespaltet und die überflüssigen Teile abgetrennt hatte, um sich bei
jedem Stück den vorgegebenen Größen anzunähern, stellte man Steinmetze an, um
sie roh zu bearbeiten und die Oberflächen anzuschleifen. Diese beiden Arbeiten
dauerten wegen der Material-Härte und der begrenzten Zahl von dort zu
beschäftigenden Arbeitern recht lange. Diese benötigten eine große Zahl von
Werkzeugen für die Handarbeiten.
In der
Zwischenzeit beschäftigte man sich damit, die Voraussetzungen für den Transport
der oberhalb von Kappel(rodeck) zugerichteten Werkstücke nach Sasbach zu
schaffen. Diese Operation gestaltete sich nicht leicht. Die massigen Werkstücke
hatten ein beträchtliches Gewicht, mussten zuerst auf steilen Hängen
hinabgleiten und durch sehr schnelle und ziemlich schlechte Wege mit engen
Abschnitten ("Schleifen") transportiert werden. Man schlug
deswegen mehrere Transportmöglichkeiten vor, sei es mit Maschinen oder mit
Gespannen. Der Bauaufseher ließ eine Art Leiterwagen-Schlitten bauen, dessen
Hinterteil auf Rollen fahren konnte, und der, wenn es die Zeit erlaubte, zu
einem Schlitten umgewandelt werden konnte. Man beschäftigte sich auch mit der
Wege-Beschotterung und der Anlage von neuen Wegen.
Am 20.
Januar (1827) brach der unterzeichnende Pionier-Hauptmann nach Kappel(rodeck)
auf , wo es in seiner Abwesenheit geschneit hatte, um den Transport der
fertigen Steine zu beginnen und die Fertigstellung der anderen zu
beschleunigen. Der Pionier-Wachmann MANNHALTER ersetzte zu dieser Zeit Herrn
SAMAIN, der seit einiger Zeit erschöpft und bis dahin mit der Überwachung der
Arbeiten beauftragt war.
Der zuerst
transportierte Block war der Sockel. Er wog ungefähr 20000kg (tatsächlich:
brutto 22to). Es folgte der Würfel mit ungefähr dem gleichen Gewicht (tatsächlich:
brutto 19to) dann das weniger schwere Gesims mit ungefähr 16000kg (tatsächlich:
brutto 20to). Diese drei Transporte verliefen sehr glücklich, und vor allem
die beiden letzten, für die man eiligst einen leichteren Klein-Schlitten gebaut
hatte, der in den Kurven leichter zu dirigieren war als der große (Schlitten).
Endlich wurde der noch sehr unförmige Obelisk auf den großen Schlitten geladen
und so verankert, dass er sich auf drei Eichenbalken-Verstärkungen von zwölf
Fuß Länge und jeweils ein Fuß Breite reiben konnte. Die Beladungen und
Transporte der drei ersten Blöcke waren für die dort beschäftigten Männer sehr
gefährlich gewesen, ebenfalls für die Ochsen und Pferde der Gespanne. Es
erforderte großer Vorsichtsmaßnahmen, um diese Massen zu bewegen und die
Beladung ohne Unfall durchzuführen. Es erforderte außerdem nicht wenig Aufwand,
um diese nach Kappel (rodeck) hinabzubringen. Die steilen Hänge (25°-35°
Neigung) mussten mit Erde (Kies-Sand) wiederbedeckt werden, um sie
weniger gleitend zu machen: Man suchte Maßnahmen, um die zunehmenden
Gleitbewegungen, die der Schlitten zeitweise annahm, zu verzögern und sogar zu
unterbrechen. Für den Schaft waren die Schwierigkeiten sehr beträchtlich: er
war 7,70m lang (tatsächlich: 7,72m), die Basis-Quadratseite maß 1,50m (tatsächlich:
1,5x1,6m) und jene an der Spitze 1,15m (tatsächlich: 1,00x1,25m),
das Gewicht betrug mindestens 30000kg (tatsächlich: brutto 40to). Er
hatte 500m Weg zwischen Felsen (Gewann "Brach") und teilweise
tiefsumpfigem Gelände über einen Steilhang ("Die Schleif") zurückzulegen.
Der Weg zwischen den Felsen war vorsichtshalber präpariert worden. Man machte
die Restarbeiten während des Transports der ersten Blöcke. Trotz Frostes
von –15° bis -16°C waren die sumpfigen und quellreichen Wiesen nicht gefroren.
Vorsichtshalber entfernte man den Schnee auf dem Weg. Man befestigte diese
Stellen mit Faschinen, die mit sehr nassem Schnee wiederbedeckt wurden, nachdem
das Ganze zu einem stabilen Untergrund über dem Sumpf verwandelt wurde.
Nachdem die
Kosten durch die Konkurrenz reduziert wurden, machte man in der Umgebung
bekannt, dass man eine Ausschreibung wünschte, um den Transport zu einem
Festpreis durchführen zu lassen. Viele Interessenten kamen, um den Block zu
testen und den Wegeverlauf zu erkunden, aber sie zogen sich alle zurück, ohne
einen Vorschlag zu unterbreiten, mit Ausnahme der Ochsen-Fuhrleute, die die
ersten Transporte durchgeführt hatten. Diese wollten nicht mehr Unternehmer
sein, waren aber bereit, ihre Tiere zu einem Tagessatz unter der Bedingung zur
Verfügung zu stellen, dass der Preis stark angehoben wurde. Da man von dem
günstigen Wetter (gefrorener Boden mit Schneedecke) profitieren wollte,
war man gezwungen, diese Bedingungen zu akzeptieren. Man hatte große Mühe, die
ungefähr 500m lange Strecke ("Die Schleif") zurückzulegen, um
im Dorfe Kappel(rodeck) anzukommen. Die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen,
um Unfälle zu vermeiden, sind zweifelsfrei sehr zurückgeblieben, aber dies war
nicht zu bedauern. Wenn der Block auf mehreren schnellen Hängen des Weges nicht
gehalten worden wäre, hätte ihn eine größere Bewegung zusammen mit dem ganzen
Gespann in den Grund des Tales gerissen. Am Fuß des Berges (Acher- bzw.
Kapplertal) angekommen, gab es andere zu überwindende Schwierigkeiten, um
den Weg fortzusetzen. Man musste Dörfer durchqueren, enge Strassen passieren
und enge Kurven überwinden. Die Strecke von Kappel(rodeck) nach Achern
ist sehr schmal, hat eine größere Zahl von Kurven, und die starken,
verharschten Schneeverwehungen bildeten eine Situation, die das Steuern des
Schlittenhinterteils schwierig machte -- trotz der Anstrengungen mehrerer
Männer mit Mühe bald nach rechts bald nach links zu ziehen und trotz der
eisernen Schlittenkufen, die im verharschten Schnee tiefe Rillen hinterließen –
rutschte das Hinterteil zwei oder drei Mal zur Seite, sodass man nur mit
mehreren Wagenwinden und Schraubensystemen (Flaschenzügen) es schaffte,
das Gefährt wieder aufzurichten. Auf einem größeren Teil des bisherigen Weges
und vor allem auf der Strecke von Achern nach Sasbach, der eng und sehr uneben
war und wie ein Damm sich über das Gelände erhob, war man gezwungen, das Eis
für eine Spur auf einer Breite von eineinhalb Fuß (=47cm) und einer
Tiefe von fünf bis sechs Daumen (= Zoll =13 bis 15,6cm) abzutragen, in
der sich eine Kufe des Schlittens bewegte, sodass ein seitliches Abgleiten
nicht mehr möglich war.
Die
Beendigung der Gesteinszubereitung, das Beladen und der Transport der vier
Blöcke hat einen Monat gedauert. Der Gesamtaufwand für diese beiden letzten
Operationen war zwar beträchtlich, indessen am geringsten gegenüber einem
Transport bei einem anderen, frostfreien Wetter. Der Abtransport des Schaftes
durch die vernässten Wiesen wäre nur unter der Voraussetzung möglich gewesen,
dass man einen mit Faschinen und Holz belegten Weg geschaffen hätte. Man hätte
einen Wagen mit sehr starken Achsen bauen müssen, um eine so große Last zu
transportieren. Diese beiden frühzeitigen Aufwendungen hätten wahrscheinlich
deutlich mehr gekostet als der Transport, wie man ihn ausführte. Es ist
richtig, dass man darauf verzichten musste, Maschinen einzusetzen, Haspeln zu
benutzen, die Blöcke auf Rollen zu bewegen oder sie auf gefettetem Holz zu
bewegen. Aber diese Mittel ließen nur eine sehr langsame Ausführung zu, sie
wären auch recht ungewiss gewesen, und man hätte die ganze Wagenpassage auf dem
Wege unterbrochen, sodass man wegen diesem zweifellos verstärkten Hindernis von
diesem Plan absah. Es ist jedoch zu bemerken, dass das Wenden und die Beladung
der Blöcke einschließlich deren Transports keinen einzigen Unfall der
beschäftigten Männer verursachte und weder ein Pferd noch ein Ochse verletzt
wurde. Der Transport von ähnlich großen Steinen, aber mit einem geringeren
Gewicht (Vogesensandstein mit geringerem spezifischen Gewicht von
2,2g/cm3 gegenüber dem Achertal-Granit von 2,7g/cm3), verlief in den letzten Jahren weniger
glücklich: einige Männer wurden dabei tödlich verletzt. Man kann sicher wegen
den Gefahren dem erhöhten Preis für die Tagessätze und für die Tiere zustimmen.
Der mit den
Aufgaben betraute Pionier-Hauptmann erfuhr Unterstützung durch den ihm
beigeordneten Pionier-Wachmann, Herrn MANNHALTER, dessen Eifer und Einsatz eine
große Hilfe war und zweifellos zum glücklichen Ausgang des recht schwierigen
Transportes viel beigetragen hat. Seine guten Dienste sind in Strassburg
übrigens gut bekannt, sodass man schon mehrfach mit der Bitte einer verdienten
Beförderung vorstellig wurde.
Die Ausgaben
für die Übungsarbeiten im Jahre 1826 beliefen sich auf eine Summe von 12.440,00
frs. Diese Ausgaben setzen sich aus folgenden Positionen zusammen:
|
1. Für die ersten Untersuchungen und Beprobungen, das
Spalten, das Sprengen, das Ab-/Aufräumen |
2.890,00 frs |
|
2. Für die Herrichtung/Zurichtung der Meißel |
2.690,00 frs |
|
3. Errichtung der Bauhütte zum Schutz der Arbeiter |
243,00 frs |
|
4. Für die Anlage und die Reparatur von Wegstrecken,
worauf die Blöcke transportiert wurden |
478,00 frs |
|
5. Bau des Leiter-Schlittens |
660,00 frs |
|
6. Kauf und Einsatz von Maschinen |
464,00 frs |
|
7. Transport |
3.765,00 frs |
|
8. Versuche, Kosten der Bauaufsicht und des Büros, diverse
Ausgaben |
1.250,00 frs |
|
|
========== |
|
Gesamtsumme |
12.440,00 frs |
Die bis zum
heutigen Tag überwiesenen Gelder belaufen sich auf 10.000,00 frs. Es verbleibt
eine Restschuld von 2.440,00 frs an den Straßburger Unternehmer, Herrn WENGER,
der diese Summe vorstreckte.
Darüber
hinaus beschäftigt sich die Rechnungsgruppe mit dieser Arbeit. Die
bevorstehende Abrechnung wird die Höhe dieser Vorstreckungen von Herrn WENGER
genau beziffern.
Man wolle am
ersten Tag seine Exzellenz, den Herrn Kriegsminister, von dieser
Ausgabenaufstellung des Jahres 1827 unterrichten.
Strassburg,
den 14. März 1827 Der Pionier-Hauptmann COLLAS
Das
Straßenbauamt Offenburg, das TURENNE-Museum sowie die Gemeinde Sasbach und die
Fa. Max FRÜH KG (Achern) mit Herrn SCHÖNLE vor Ort (Eisenbahnunterführung
Furschenbach) unterstützten diese neuen glazialgeologischen Forschungen, die
nun zu völlig neuen Erkenntnissen der früheren Vereisungsgeschichte
Süddeutschlands und Mitteleuropas beitragen werden. Herr Dr. FEUCHT (Haus der
Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart) und Madame SALAT (Service historique
de l´armée de terre, Vincennes/Frankreich) begünstigten dieses Vorhaben durch
Überlassung von Schrift- und Bildmaterial. Die Fa Foto-WORTMANN (Achern),
insbesondere Frau WORTMANN-SCHNEIDER, förderten die umfangreichen
geowissenschaftlichen Arbeiten vor Ort mit Rat und Tat. Ihnen allen,
einschließlich vieler anderer Einzelpersonen, sei für ihre Unterstützung zu
diesen interdisziplinären Forschungen Dank gesagt. Die Gemeinde Kappelrodeck,
insbesondere Herr Bürgermeister Mungenast, und Herr Direktor Ross (Fa. Wimmer,
Kappelrodeck) unterstützten ebenfalls diese Forschungen direkt vor Ort. So
wurden auf Anregung des Autors die prägnantesten Gesteinsfragmente als
Beweisstücke im Bereich der Ibergstrasse als (beginnender) Geologischer
Lehrpfad zur Besichtigung aufgestellt. Dieser Lehrpfad könnte nun systematisch
ergänzt werden, um ihn sowohl für wichtige geowissenschaftliche und historische
als auch für touristische Zwecke nutzbar zu machen.
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